Sind E-Portfolios nur etwas für leistungsorientierte Selbstdarsteller?
Am vergangenen Dienstag hatte ich die Gelegenheit, erste Ideen zu meinem Promotionsthema im Doktorandenkolloquium vorzustellen. Dabei bin ich auf die Ideen von E-Portfolios eingegangen, welche bisherigen Bestrebungen dazu vorhanden sind, welche Forschungsinteressen bestehen und schließlich, welche Ansätze man verfolgen könnte, um E-Portfolios einzusetzen.
Zum einen hatte ich mir dazu folgende Schwerpunkte überlegt, über die ich gerne diskutieren wollte und die auch teilweise berücksichtigt wurden:
- Welcher E-Portfolio-Ansatz ist der bessere?
- offener Ansatz: unterschiedliche Tools; persönlich zusammengestellte Portfolio-Umgebung mit stärkerer Ähnlichkeit zum Personal Learning Environment (PLE) selbst; sehr lose und verteilte Struktur (siehe z.B. E-Portfolio mit Google Apps von Dr. Helen Barrett, University of Oregon)
- geschlossener Ansatz: ein (Open Source-)E-Portfolio-Tool; eine integrierte Umgebung mit dem E-Portfolio als Teil des PLE; einheitliche und anleitende Struktur (z.B. Blog mit Profil, eLGG oder Mahara)
- kombinierter Ansatz: ein einheitliches E-Portfolio-Tool anleitend ergänzt um unterstützende Tools; E-Portfolio = PLE!?
- Wie können E-Portfolios evaluiert werden (ähnlich wie Social Software / besondere Methoden erforderlich?)
- eAssessment: Wie können E-Portfolios ganzheitlich bewertet werden? (Durchschnitt aus den einzelnen Artefakten / Kriterienschema?)
Und zum anderen wurden auch spannende Kritikpunkte aufgeworfen, die mir bisher so nicht in den Sinn kamen und über die ich auch mit Euch sehr gerne hier weiterdiskutieren würde:
- Sind E-Portfolios eigentlich nur für leistungsorientierte Selbstdarsteller geeignet?
- Was sind daraus resultierend maßgebliche Gründe dafür, dass jeder ein E-Portfolio besitzen sollte (meine ersten Antworten dazu: langfristige Selbstreflexion und Dokumentation der Leistungen; kritischer und hilfreicher Input von außen; Darstellung der Kompetenzen und Leistungen gegenüber dem Arbeitgeber)?
- Wieso hält man E-Portfolios vorerst nicht weitestgehend anonym und gibt nur berechtigten Personen Zugang?
- Was ist mit einem vierten, quasi-geschlossenen Ansatz, der zwar die Nutzung verschiedenster Tools ermöglicht aber mit den Tendenzen zu OpenID einhergeht, um das Benutzername-/Passwort-Gewusel zu beseitigen?
- Problem der Sicherheit: Wie geht man mit der zunehmenden “Gefahr des gläsernen Menschen” durch offen gelegte persönliche Daten um?
- Problem der Rechteverwaltung: Wie kann ich sicherstellen, dass der potenzielle Arbeitgeber nur die bestimmten Informationen aus meinem E-Portfolio erhält, die ich ihm präsentieren möchte? Er könnte sich ja auch verdeckt als ein Community-Mitglied ausgeben und so Dinge über mich erfahren, die ich ihm zunächst nicht preisgeben wollte.
- Welche Chancen bietet ein möglicher Einsatz von E-Portfolios vor allem im mobilen Bereich?
Welche Meinung habt Ihr zu dem einen oder anderen angesprochenen Punkt?



Die drei Ansätze scheinen mir hier sehr auf die instrumentale Umsetzung reduziert und weniger auf die Zielsetzung: Was wird mit dem Portfolio angestrebt?
Meine Gedanken zu
1- Was heisst denn hier leistungsorientiert? Ist das der alte etwas platte Vorwurf: Du bist ein Streber?
3 – warum denn anonyme Portfolios, wo es sich doch um ein sehr persönliches Instrument handelt, um die eigene Lernbiografie festzuhalten? Für mich ein Widerspruch.
4. Der gläserne Mensch. Ich glaube, dass man diesem Konzept der Durchschaubarkeit, die auf einem Defizit basiert (nämlich der fehlende Schutz) ein neues Konzept entgegenhalten sollte/könnte. Ein lösungsorientiertes Konzept vielleicht der Transparenz, des Lernens-Voneinanders, und vor allem von einer neuen Fehler- und Lernkultur, die sich nicht nur an Leistung und Fehlerfreiheit, sondern auch an Reflexion des Weges orientiert, also am Prozess.
Wenn es darum geht, Daten zu schützen, dann sind wir heute beriets meilenweit vor einer echten Privatheit weg. Wir reden hier immer noch von etwas, was wir längst nicht mehr besitzen. Meiner Meinung nach wird es Zeit, dass wir uns ernsthaft mit dem neuen Zustand beschäftigen.
6. Das ist eine technische und eine ethische Frage, auf die ich jetzt keinen Vorschlag machen kann. Aber vielleicht gibt es bereits Antworten darauf.
7. Die Chance liegt in der Konvergenz, im Sinne der Effizienz. Wenn ich mobil ebenso Zugang zu meinen Online-Daten habe, dann kann ich auch mobil produktiv sein. D. h. ich sammle mein material auch da, wo ich mich grad befinde. Das eröffnet einfach viele neue Perspektiven. Ich kann z. B. Dokumentationen u. a. per Bild sehr viel einfacher und effizienter herstellen. In meinen Augen liegt das Potenzial vor allem im Zusammenspiel von Mobile, PC, Print.
Ich finde diese Diskussionen sehr interessant. Ich denke, dass sich da noch viele Perspektiven eröffnen, und wir uns andererseits auch von einigen heiligen Kühen verabschieden müssen z. B. unsere Privatheit. Wohl oder übel. Ich bin da sehr realistisch, bedaure das auch zu einem gewissen Teil. Aber ich bin sicher, dass wir einen Umgang z. B. mit privaten Daten brauchen, auch rechtlich, auch ethisch. Schon allein die Frage, was denn heute “privat” sei, ist meines Erachtens noch offen. Im Moment verstehe iuch die Diskussion deisbezüglich so, dass lediglich festgestellt wird, was heutzutage Privatheit bedeutet.
Miriam Fischer