Am Freitag und Samstag fand in Graz das erste österreichische und vierte deutschsprachige EduCamp statt. Für die 60-70 Teilnehmer bot die TU Graz geeignete Räumlichkeiten zum Austausch zu Themen rund um das web-gestützte Lehren & Lernen. Hier nun ein erstes Fazit:

Organisation
Nichts zu meckern. Topp. Allerdings entstand für die Teilnehmer der Eindruck, dass es sich um eine “komplett durchorganisierte Konferenz” und eben nicht um eine UNkonferenz handelte, die zum einen zu jeder Zeit transparent ist und damit anhaltend den Eindruck vermittelt, dass jeder angehalten ist etwas aktiv auch zur Organisation beizutragen.

Location
Foyer auf zwei Etagen mit Empfangsbereich, Platz für Sponsoren und ebenfalls Areal für das Essen mit ausreichend Sitzecken war einfach nur super. Dies unterstützte auf jeden Fall das BarCamp-Feeling. Der Audimax war für die Eröffnungs- und Abschlussrunde ok, wenn hier auch die überschaubare Teilnehmerzahl leicht unterging. Problem dort und in allen anderen Sessionräumen war leider der Mangel an Steckdosen, der zumindest über eine ausreichende Zahl an Verlängerungskabeln und Verteilern kompensiert hätte werden können.

“Bildungssofa”
Dieses von der Augsburger-Crew getestete Format verdeutlichte einen weiteren Nachteil der Location: feste Sitzreihen. Ausschließlich im Raum des Bildungssofas selbst war es möglich eine frei Sitzordnung zu gestalten. Die im Vorfeld spontan von den Augsburgern eingerichtete Anordnung im Kreis mit rotem Sofa in der Mitte wurde während des kompletten EduCamps von den nachfolgenden Sessionsanbietern nicht verändert. Auch ich war von meinen beiden Sessions am zweiten Tag in dieser Sitzordnung begeistert. Durch das Aufsprengen der “Frontalsituation” wurde die Gleichberechtigung aller Teilnehmer am Bildungssofa und in den Session unterstrichen und gefördert. Ich persönlich empfand es, als einer der auf dem Sofa sitzenden, als sehr angenehm nicht VOR dem Publikum sondern IM Publikum zu sitzen. Die entstandenen regen Diskussionen sind eindrucksvoller Beleg dieser Sitzordnung. In folgenden EduCamps sollte unbedingt mehr Wert auf freie Sitzordnung gelegt werden. Weitere Anmerkungen zum Bildungssofa selbst folgen in einem gesonderten Beitrag, da es auch eine umfangreiche Evaluation des Formats gab.

Sponsoren
Ja, ohne sie geht es nicht. Ohne sie gibt es keine T-Shirts, keine Location, keine freien Getränke, kein freies Essen… Doch mit ihnen scheinbar auch nicht. Am Ende des EduCamps merkte Karlheinz Pape zu Recht an, dass wir es auf einem EduCamp noch besser verstehen müssen die Sponsoren in das Camp zu integrieren. Bisher sind wir davon ausgegangen, dass uns das gelungen sei, aber in Graz schien ein Stückweit eine Kluft entstanden zu sein. Eine Keynote für einen Sponsor/Firma zu initiieren wirkte hierbei natürlich nicht gerade wogenglättend, zumal durch unverständliche “Geheimhaltungshinweise” vom Vortragenden eines eher niederschwelligen Vortrags im krassen Gegensatz zur Offenheit eines EduCamps stand.

EduCamp meets Open Space
In der Eröffnungsrunde sollte zukünftig noch mehr betont werden, dass man Sessions, die doch nicht den Erwartungen entsprechen, ohne weiteres verlassen werden können. Sandra Schaffert verglich dies passend mit der Schmetterlings-Rolle auf einem Open Space. Klar kann dies schwierig werden, da es eventuell den Sessionleiter in seiner Konzentration stört, aber vielleicht ist durch gezielte Hinweise zu Beginn des Camps dieser Effekt abzuschwächen. Letztlich ist wahrscheinlich die Organisationsform selbst die Ursache. In ein zwei Sätzen in der Eröffnungsrunde ist es schwer klar zu machen, auf was man in einer Session hinaus will. Auf klassischen Konferenzen gibt es hierfür Abstracts. Eventuell würde hier wieder ein digitaler Sessionplan im Netz Abhilfe schaffen, da jeder Sessionleiter noch mehr Infos zu seiner Session einstellen könnte.

Nachhaltigkeit
Super fand ich, dass erstmals nahezu alle Session ins Netz gestreamt und hierbei archiviert wurden (Dank an die Orga!). Leider ärgert es mich, dass es immer noch nicht gelang wirklich nachhaltig zu agieren. Natürlich wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen, ob eine Ergebinssicherung seitens der Sessionleiter im Mixxt-Wiki oder den eigenen Blogs stattfindet, aber m.E. deutet sich wieder an, dass das EduCamp hier die größte Schwäche aufweist.

Session-Patenschaften
In meiner Session zu “Blogsfarms an Universitäten” fasste Marcel spontan ohne vorherige Absprache die wichtigsten Punkte der Diskussion zusammen und veröffentlichte sie in unserem Blog. Auf der Rückfahrt kam mir dann die Idee dies zu einem integralen Bestandteil aller Sessions zu machen. Wie soll das aussehen? Zu Beginn einer Session fragt der Sessionleiter, wer die “Patenschaft” der Session übernehmen möchte. Findet sich kein Freiwilliger, fragt der Leiter gezielt Teilnehmer. Der Pate ist ab da für die Ergebnissicherung zuständig, in dem er das Wichtigste (Meinungen, Links, Inhalte, usw.) kurz und knapp zusammenfasst und diese im Wiki zur Verfügung stellt. Zusätzlich sollten die Sessionleiter angehalten werden, die letzten Minuten einer Session für eine kurze Zusammenfassung zu nutzen. Dies kann anhand der Notizen des Paten erfolgen.

Fazit
Auch das 4. EduCamp im deutschsprachigen Raum sorgte für überwiegend positive Resonanz, wenn auch alte Baustellen nochmals deutlich wurden und kleinere neue hinzukamen. Die Sessions, die ich besuchte, waren gut vorbereitet und brachten sehr interessante Gesichtspunkte zu Tage. Besonders gefiel mir hierbei der Mut zur Vorstellung von Projekten im “Draft”-Stadium, was ja nur sehr selten auf herkömmlichen Konferenzen vorkommt. Schön war es auch bekannte Gesichter wieder zu treffen, aber auch neue und bis dahin v.a. “virtuelle Kontakte” endlich persönlich besser  kennenzulernen. Ich freue mich schon sehr auf das Hamburger EduCamp im Februar 2010. Wir sehen uns spätestens da :-)

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